Wedinghauser Chorherrentropfen – eine edle Spezialität nach Originalrezepturen des 17. Jahrhunderts aus der Wedinghauser Klosterbibliothek

Die barocke, mit zwei Kreuzgratgewölben feuerfest errichtete Wedinghauser Klosterbibliothek wurde im Jahre 1694 fertiggestellt. Es handelt sich hierbei um einen der wenigen erhaltenen Bibliotheksbauten aus dieser Zeit in Norddeutschland. Von der Inneneinrichtung der alten Klosterbibliothek hat sich leider gar nichts erhalten. Von den Büchern der damals größten Klosterbibliothek des Sauerlandes existiert nur noch ein verschwindend kleiner Teil. Die wertvollsten Bücher und Codices befinden sich seit 1803 in Darmstadt, einige Stücke verwahrt auch die Universitäts- und Landesbibliothek in Münster.

Lange Zeit wurde der schöne Barockraum als Musiksaal des Gymnasiums Laurentianum genutzt. Im Jahr 2005 konnte der Raum nach alten Farbbefunden restauriert werden. Seitdem stellt er ein bauliches Schmuckstück im Bereich des ehemaligen Klosters dar. Im Zuge der Restaurierung wurden auch zwei große, bis in das Gewölbe hineinreichende Buchregale errichtet, finanziert durch eine Spendenaktion des Arnsberger Rotary-Clubs. In diesen Regalen steht heute der ältere Teil der Historischen Bibliothek des Gymnasiums Laurentianum, die auf die 1803 aufgelöste Klosterbibliothek zurückgeht.

Unter vielen bibliophilen Schätzen seit Beginn des 16. Jahrhunderts findet sich hier u.a. ein Lehrbuch zum Wortschatz des Ciceros des italienischen Humanisten Marius Nizolius (1498-1576). Sein Hauptwerk war eben dieser „Thesaurus Ciceronianus“ (Wortschatz des Cicero), den er erstmalig 1538 in Brixen drucken ließ und der viele Auflagen erlebte. Als das Kloster Wedinghausen mitten im Dreissigjährigen Krieg 1643 ein Gymnasium einrichtete, mussten die Schüler vornehmlich im Lateinunterricht auch die Schriften Ciceros lesen. Nichts lag da näher, als das Nachschlagewerk zum Wortschatz des Ciceros anzuschaffen. Auf dem Titelblatt steht der handschriftliche Eintrag: „Sum ex Libris Monasterii Wedinghausani/ [1]652“ („Ich bin aus der Bibliothek des Klosters Wedinghausen 1652“). Neun Jahre nach der Gründung des Gymnasiums wurde der Band also für das Kloster angekauft.

Dieses Buch ist nicht nur bemerkenswert, weil es nachweislich aus der Klosterbibliothek stammt, sondern auch, weil Einträge einer Handschrift des 17. Jahrhunderts auf einigen leeren Seiten zu finden sind. Möglicherweise war es der „Bruder Apotheker“, der hier Rezepturen notiert hat. So finden wir Rezepte „Zur Sterkung der magen“ (Magenstärkung), „Ein gutt Magenpulver“, „Zur flusse ahn halse“ (Halswickel), „Zubereitung eines burstdranckes“ (Brusttrank).

Es muss wohl in Wedinghausen hinter dicken Klostermauern sehr kalt und zugig gewesen sein, denn unser Schreiber – Apotheker, Lehrer oder beides? – war offensichtlich häufig von Hals-, Brust- und Magenschmerzen geplagt. Vielleicht zeigten seine Zöglinge aber auch nicht den nötigen Eifer, so dass er seine Zeit besser zu nutzen wusste und der Nachwelt handschriftlich in „Cicero Wortschatz“ seine gesammelten -von ihm für gut befundenen- Hausrezepte gegen allerlei Beschwernisse des Alltags hinterließ.

Kräuter, Gewürze und Pflanzenextrakte – u.a. „fennekell“ (Fenchel), „ballian“ (Baldrianwurzel), „Muschatten Blumen“ (Schwarzkümmel), „Menßken“ (Minze), „Lindenbluedt“ (Lindenblüten), „hertzzungen“ (Hirschzungenfarn), „Cardamomi“ (Kardamon), „gutes honniges“ (Honig) und „gutten ferne wein“ (abgelagerter Wein) – bildeten die Grundlage seines Brust– und Magentranks.

Was den Chorherren in Wedinghausen im 17. Jahrhundert gegen allerlei Wehwehchen geholfen hatte, konnte auch im 21. Jahrhundert für Arnsbergs Bürger nicht schädlich sein! Erste Versuche, die Rezepturen am heimischen Herd im privaten Rahmen mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln umzusetzen, gelangen vortrefflich. Das Gebräu schmeckte hervorragend und erwies sich als sehr bekömmlich. Nach diesen ersten viel versprechenden Versuchen kristallisierte sich langsam die Idee heraus, einen „Wedinghauser Chorherrentropfen“ im Rahmen des Weihnachtsmarkts 2009 in einer Aktionshütte des Arnsberger Heimatbundes anzubieten. Das konnte jedoch nur mit professioneller Hilfe umgesetzt werden. Eine kleine Privatbrennerei aus dem Münsterland winkte ab. Bekannte Klosterbrennereien in Bayern und Norddeutschland ließen auf entsprechende schriftliche Anfragen entweder gar nichts von sich hören oder boten aus ihrer eigenen Produktpalette Proben ihres brennerischen Könnens an. Also doch die eigene private Küche? Lebensmittelrechtliche Fragen und zahlreiche rechtliche Vorschriften sprachen entschieden dagegen.

Schließlich konnte mit Hilfe des Verkehrsvereins Arnsberg die private „Feinbrennerei Northoff” aus Lippetal gefunden werden, die sich bereit erklärte, die alten Rezepte umzusetzen. Der Besitzer der Brennerei kam auf Einladung des Heimatbunds nach Arnsberg und studierte die alten Aufzeichnungen und die Geschichte des Klosters Wedinghausen. Er ließ sich insgesamt von der Klosteratmosphäre sowie dem restaurierten Bierkeller inspirieren und stellte nach einiger Zeit vier verschiedene Spirituosenproben vor, bei denen die ehemaligen Rezepturen mit Kräutern, Wurzeln und Gewürzen in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen berücksichtigt waren. Auch das von ihm vorgeschlagene Flaschenetikett hielt sich an die historischen Vorgaben; zeigt es doch den Klosterstifter und „Brudermörder“ Graf Heinrich I. von Arnsberg vor der alten Stadtkulisse mit Schlossruine und Kloster.

Eine genaue Prüfung der Proben bezüglich Geschmack und Bekömmlichkeit führten zu einem eindeutigen Votum für eine der vier geschmackvollen Varianten. Der edle Tropfen lässt sich sehr gut vor dem Essen verkosten, ist eben so gut nach dem Essen bekömmlich und ist sogar während des Essens gut verträglich. Auch als Geschenkidee bietet sich die Flasche mit dem schönen Etikett geradezu an. Der „Wedinghauser Chorherrentropfen“ ist zum Preis von 9,90 € pro repräsentativer Halbliterflasche u.a. hier erhältlich:

Stadt- und Landständearchiv, Klosterstraße 11, 59821 Arnsberg (Tel.: 02932-2011241).

Getränke Korte, Wennigloher Str. 4, 59821 Arnsberg (Tel.: 02931-3503)

Verkehrsverein Arnsberg, Neumarkt 6, 59821 Arnsberg (Tel.: 02931-4055)